Die liegende Figur von einem Froischkönig hält eine goldene Kugel

Der Froschkönig – ein altes Märchen neu erzählt

Das bekannte Märchen der Gebrüder Grimm enthält ein großes Geheimnis. In dieser Neuerzählung wird das Geheimnis um die goldene Kugel zum ersten Mal gelüftet.

neu erzählt von Inga Landwehr

Es war einmal ein Frosch, der lebte in einem Teich, der zu einem wunderschönen Garten gehört. Auf der Wasseroberfläche des Teichs schwammen prächtige Seerosen, die in Weiß und Rosa blühten. Unter den großen Blättern fanden die Fische, die ebenfalls hier lebten, Schutz vor der Sonne. Am Ufer aber wuchs dichter Schilf und exotische Blumen. Hier hatten Libellen und Mücken ein gutes Zuhause. Aber auch die Frösche fühlten sich hier sehr, sehr wohl. Mal sprangen sie ins Wasser, mal auf das saftig grüne Gras am Ufer und jagten Fliegen.

Und weil der Garten mit dem Teich zu einem prächtigen Schloss gehörte, kam hin und wieder auch die Prinzessin vorbei. Manchmal kam sie mit ihren Freundinnen Martha und Luise, um zu spielen, manchmal allein, um den Fröschen zuzuhören. In einem solchen Moment verliebte sich ein kleiner Frosch unsterblich in die Prinzessin.

Fortan quakte er zusammen mit den anderen Fröschen in seinem allerschönsten Bariton. Immer in der Hoffnung, dass die Prinzessin ihn erhören würde. Doch nichts geschah. Sie kam weiterhin mit ihren Freundinnen. Dann spielten die drei jungen Frauen, lachten, alberten herum und freuten sich des Lebens. Doch den kleinen Frosch, der sein Herz verloren hatte, beachtete niemand. An manchen Tagen war er deshalb so traurig, dass er nicht einen Ton quaken konnte. Wenn es so etwas gibt, dann könnte man sogar meinen, dass der Frosch depressiv wurde.

Doch es wurde noch schlimmer. Die Tage wurden kälter. Prinzessin Feodora kam immer seltener zum Teich und schließlich gar nicht mehr. Der Winter bedeckte den Teich mit Eis und Schnee. Doch der kleine Frosch konnte das liebliche Antlitz der bezaubernden Prinzessin nicht vergessen.

Figur vom Froschkönig mit goldener Kugel vor Seerosenblättern

Der Frosch begegnet der Prinzessin

Und dann kam der Frühling. Eines Tages sah der Frosch die Prinzessin schon von Weitem. Bei ihrem Anblick machte sein Herz einen kleinen Hüpfer.
„Bald kommt die Prinzessin auch wieder zum Teich“, dachte der Frosch.

Und so kam es. Prinzessin Feodora lief mit Martha und Luise zum Teich, um zu spielen. Doch diesmal hatte sie etwas Besonderes dabei: eine goldene Kugel. Diese warfen die drei liebreizenden jungen Frauen hin und her und spielten fangen. Und der kleine Frosch saß im Schilf und schmachtete still vor sich hin. Auch dieses Mal bekam er keine Aufmerksamkeit.

Doch das sollte nicht mehr lange so bleiben. Denn eines Tages fiel die goldene Kugel, die in der Sonne so wunderbar glitzerte, ins Wasser des Teichs. Sofort nutze der Frosch die Gunst der Stunde. Er sprang hinterher, um die Kugel zu retten. Im trüben Wasser des Teichs musste er ein wenig suchen. Doch dann sah er schließlich die goldene Kugel vor sich auf dem Grund liegen. Er tauchte, nahm die Kugel in seinem Maul und sprang damit ans Ufer. Direkt vor die Füße der weinenden Prinzessin.

„Igitt“ riefen Martha und Luise wie aus einem Munde.
Doch Prinzessin Feodora schaute erst den Frosch an, dann ihre Freundinnen.
Schließlich sagte sie: „Schaut doch, er hat meine Kugel gerettet. Meine einzigartige, wunderbare Kugel.
Mein lieber, lieber Frosch, ich danke dir von ganzem Herzen. Du ahnst ja gar nicht, was mir diese Kugel bedeutet.“

Die beiden Freundinnen schauten sich staunend an und glaubten, die Prinzessin sei verrückt geworden. Sie sprach wahrhaftig mit einem Frosch. Der konnte sie doch gar nicht verstehen.

Doch Prinzessin Feodora achtete nicht auf die beiden und fuhr fort: „Diese Kugel habe ich zu meinem Geburtstag geschenkt bekommen. Sie ist aus purem Gold. Doch in ihr ist ein Geheimnis verborgen. Und deshalb darf ich diese Kugel niemals in meinem ganzen Leben verlieren.
Mein lieber Frosch, ich schulde dir Dank. Du hast einen Wunsch frei. Sag mir, was es ist, und ich will ihn dir erfüllen.“

Der Frosch hat einen Wunsch frei

Der Frosch, der immer nur gequakt hatte, war es nicht mehr gewohnt zu sprechen. Deshalb musste er sich erst einmal lange räuspern, bis er schließlich sagte: „Meine liebe Prinzessin, mein größter Wunsch ist ein Kuss von euch. Danach erzähle ich euch von meinem Geheimnis.“ Während er dies sagte, pochte sein kleines Herz bis zum Hals.

Die Freundinnen schauten sich voller Entsetzen an. Das ging nun wirklich nicht. Die Prinzessin würde niemals dieses glibberige grüne Wesen aufs Maul küssen.

Die Prinzessin aber sprach: „Mein lieber Frosch, ich bin dir wirklich sehr dankbar, doch das geht zu weit. Wenn du einen anderen Wunsch hast, dann will ich dir diesen gerne erfüllen.“

„Der Frosch schaute ganz traurig und senkte den Kopf zu Boden. Er überlegte einen kurzen Moment und sprach dann: „Ach, meine liebe Prinzessin, dann möchte ich heute Abend neben euch an der Tafel des Königs sitzen.“

Die Prinzessin traute ihren Ohren nicht. Das würde dem König ganz und gar nicht gefallen. Doch trotzdem konnte sie dem Frosch diesen Wunsch nicht abschlagen. Schließlich stimmte sie zu und versprach, ihn am Abend mit zur Tafel des Königs zu nehmen.

Figur vom Froschkönig mit goldener Kugel vor Seerosenblättern

Der Froschkönig wird erlöst

So saß dann der Frosch neben dem Teller der Prinzessin. Dabei beobachtete er sie ganz genau. Und so bemerkte er, dass die Prinzessin immer die Augen schloss, wenn sie einen Löffel Suppe zum Munde führte. Der Frosch dachte bei sich, dass das wohl die beste Gelegenheit sei, doch noch einen Kuss von der Prinzessin zu bekommen. Und während Prinzessin Feodora den Löffel erneut zum Mund führte, sprang er kurzerhand auf ihren Löffel.

Der ganze Hofstaat erstarrte vor Entsetzen. Ein Frosch saß auf dem Löffel der Prinzessin! Das durfte nicht sein. Man musste die Prinzessin warnen.

Unbedingt.

Sofort.

Doch da war es bereits zu spät.

Die Prinzessin hatte den Löffel schon an die Lippen geführt – und küsste den Frosch.

Was dann geschah, war ein echtes Wunder. Davon würden noch viele Generationen später erzählen. Das war sicher. Innerhalb eines Augenblicks verwandelte sich nämlich der kleine, klebrige, glitschige, hässliche, grüne Frosch in einem leibhaftigen jungen Prinzen. Und dieser saß nun mitten im Suppenteller auf der königlichen Tafel.

„Ach“ und „Oh“ und „Was ist denn dort passiert“ und „Nein, das ist ja unglaublich“ rief der ganze Hofstaat durcheinander.

Doch der Prinz schaute der Prinzessin tief in die Augen und die Prinzessin schaute zurück.
Dann sagte die Prinzessin: „Das war also dein Geheimnis, das du mir am Teich nur verraten wolltest, wenn ich dich küsse.“

„Ja“ sprach der Prinz, „denn dein Kuss sollte von reinem Herzen kommen.
Doch nun, meine liebe Feodora, verrat du mir das Geheimnis deiner goldenen Kugel.“

„Das ist ganz einfach“, sprach die Prinzessin. Dabei nahm sie die goldene Kugel, die neben ihrem Weinglas auf der Tafel lag, in die Hand. Langsam rollte sie die Kugel in der Handfläche. Sogleich erfüllte ein zauberhafter Klang den ganzen Saal. Alle, die an der Tafel saßen und sogar die Diener lauschten verzückt diesen Klängen. Auch der Prinz war ganz verzaubert.

„Oh, wie wunderschön, nun verstehe ich deine Tränen. Das klingende Geheimnis deiner Kugel ist wirklich etwas ganz Außergewöhnliches. Nun bin ich dir gleich doppelt dankbar, dass ich heute an deiner Seite an dieser Tafel sein durfte. Denn du hast mich mit deinem Kuss von einem Fluch befreit. Die Klänge deiner Zauberkugel aber machen mein Glück erst perfekt.“

Es dauerte nicht mehr lange, da wollten der Prinz und die Prinzessin Hochzeit feiern. Doch zuvor musste der Prinz noch die Hexe finden, die ihn in den Froschkönig verwandelt hatte. Sobald er diese unschädlich gemacht hätte, sollte es ein großes Fest geben. Aber das ist eine andere Geschichte.

Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.

Eine goldene Kugel liegt auf einem verwitterten Stein.

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